Epheser 4,8: „Hinaufgestiegen in die Höhe, hat er Gefangene gefangen geführt und den Menschen Gaben gegeben.“ Was bedeutet das Zitat?

Mit dem Zitat aus Psalm 68,19 will Paulus den Ursprung der Geistesgaben erläutern. Sie stammen von dem erhöhten Herrn, der „jedem einzelnen“ nach seinem „Maß“ eine Gabe gegeben hat. Während die Rabbiner hinter Psalm 68,19 Mose vermuteten, der in den Himmel hinaufgestiegen war, um die Tora zu erhalten, präsentiert Paulus hier den, der größer ist als Mose und „über alle Himmel“ hinaufgestiegen ist und „alles erfüllte“ (Epheser 4,10). Jesus bekam nicht die Tora, sondern er brachte Gnade (Epheser 4,7). Als Mose vom Berg herabstieg, hatte er ein in Stein gehauenes Gesetz, Jesus empfing im Himmel den Heiligen Geist und gab ihn seinen Jüngern, um Gottes Gesetz in ihr Herz zu schreiben (Apostelgeschichte 2,33).

Frage: Wie ist aber der sprachliche Unterschied zwischen Epheser 4,8 und Psalm 68,19 zu verstehen. Heißt es in Psalm 68,19 nicht Du … hast Gaben empfangen bei den Menschen und in Epheser 4,8 <er hat> den Menschen Gaben gegeben. Wie kann man den Unterschied erklären? Es ist wichtig, dass wir verstehen, dass es für den Text des AT verschiedene Textvarianten gibt und die Erforschung des hebräischen Urtextes des AT – im Gegensatz zum NT – an vielen Stellen schwierig ist. So heißt es zwar im Masoretischen Text (hebräischer Standardtext) und in der griechischen Übersetzung des AT, der Septuaginta, in Psalm 68,19 „empfangen“, aber in der aramäischen Übersetzung des AT (Targum) findet sich die Variante, die Paulus hier zitiert haben könnte. Dort steht also „gegeben“ und nicht „empfangen“. Manche Bibelforscher (und auch der Kirchenvater Chrysostomos) meinen, dass mit dem Wort „empfangen“ ein „empfangen zum weitergeben“ gemeint sei; dass also im „empfangen“ das „geben“ steckt. Das kann sein, ist aber leider wenig wahrscheinlich. Ein anderer Ansatz, um Psalm 68 zu verstehen, wendet sich der Frage zu, wer die „Gefangenen“ sind, die Gott weggeführt hat. Es ist in poetischen Texten leider sehr oft schwierig, die Bilder richtig zu deuten! In 4Mose 18,6 werden die Leviten als ein Geschenk (= Gabe) an Gott bezeichnet. Wenn mit den „Gefangenen“ in Psalm 68 rebellische Juden gemeint sind, die Gott in den Dienst an seinem Heiligtum gestellt hat und mit denen er jetzt auf seinen Berg hinaufsteigt (zugrunde liegt das Bild einer Prozession) dann sind die „Gaben“ in Psalm 68 Menschen, die Gott empfängt, um sie an das Volk als Diener des Heiligtums zurück zu geben. Vor dem Hintergrund, dass Paulus im Folgenden über die Leitungsdienste in Gemeinden schreibt, ist die Analogie zu den Leviten des AT auffallend eng. Hier wie dort wählt Gott Menschen aus und beruft sie in seinen Dienst. Er lässt sich Menschen „schenken“, um sie an seine Gemeinde als seine bevollmächtigten Diener zurückzugeben. Stimmt dieser Denkansatz, dann verändert Paulus bewusst den AT-Text, vor dem Hintergrund der Gedanken aus 4Mose 18 (u.a. 4Mose 8.6-19), die dem Psalmisten bei der Abfassung des Textes vor Augen standen, um das Zitat seinem Gedankenfluss anzupassen.

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